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Kobalt-Chrom (CoCr) und Niob nach ASTM B392: Werkstoffeigenschaften und Anwendung im professionellen Bodypiercing

Fachleitfaden · Bodypiercing

Kobalt-Chrom (CoCr) und Niob nach ASTM B392: Werkstoffeigenschaften und Anwendung im professionellen Bodypiercing

Ein glänzender gebogener Stab, ein schwarzer Ring und ein silberfarbenes Metallstück auf hellem Hintergrund
Symbolbild: Farbe und Aussehen weisen weder die Zusammensetzung nach noch zertifizieren sie den Schmuck.

CoCr und Niob können bei Piercingschmuck für unterschiedliche Anwendungen eingesetzt werden. Für einen sachgerechten Vergleich müssen die Zusammensetzung des Werkstoffs, die Form des Halbzeugs, die Oberflächenbearbeitung des Schmuckstücks und die Chargendokumentation getrennt betrachtet werden: Eine ASTM-Bezeichnung zertifiziert nicht automatisch jeden Herstellungsschritt oder das fertige Einzelstück.

Kobalt-Chrom-Legierungen: Was F75 und F1537 bezeichnen

CoCr-Legierungen werden auch im Medizin- und Dentalbereich eingesetzt, wo sie aufgrund mechanischer Eigenschaften und Korrosionsbeständigkeit ausgewählt werden können. Die tatsächlichen Eigenschaften hängen von der konkreten Legierung, ihrer Form, der Behandlung und der Oberflächenbearbeitung ab.

Zwei unterschiedliche Spezifikationen für unterschiedliche Produktformen

  • ASTM F75 betrifft gegossene Kobalt-Chrom-Molybdän-Legierungen für chirurgische Implantatanwendungen. Die Spezifikation umfasst Rohgussstücke und Gusslegierungen; sie zertifiziert nicht automatisch ein Schmuckstück nach Gießen, Bearbeitung und Polieren.
  • ASTM F1537 betrifft die umgeformte Co-28Cr-6Mo-Legierung; die Spezifikation umfasst insbesondere Stäbe, Rundstäbe und Drähte für die Herstellung chirurgischer Implantate. Sie ist nicht einfach eine austauschbare Variante von F75.

Chrom trägt zur Bildung einer passiven Oberflächenschicht bei, die Korrosion begrenzt. Dieses metallurgische Prinzip beweist jedoch weder eine unter allen Bedingungen ausbleibende Ionenabgabe noch ersetzt es die Analyse der Chargenzusammensetzung oder die Prüfung des fertigen Produkts.

Poliertes CoCr hat üblicherweise ein helles metallisches Aussehen und kann steifer sein als duktilere Metalle. Daraus lassen sich keine pauschalen Versprechen zu Kratzfestigkeit oder geringerer Biofilmbildung ableiten: Legierung, Oberfläche, Geometrie und Verwendung sind maßgeblich. Ringe, die von Hand aufgebogen werden müssen, können bei einer steifen Legierung unpraktisch sein; die Eignung ist für das konkrete Modell und die jeweilige Verarbeitung zu beurteilen.

Eine weitere, davon zu unterscheidende Legierung fällt unter ASTM F90 und wird von ASTM als Co-20Cr-15W-10Ni bezeichnet. Der Name weist auf einen erheblichen Nickelanteil in der nominellen Zusammensetzung hin: Sie darf weder als nickelfrei beschrieben noch mit F75/F1537 verwechselt werden. Die Eignung hängt vom Schmuckstück, der Dokumentation und den geltenden Anforderungen ab.

Niob und ASTM B392: Werkstoffgüten, Formen und Verarbeitung

Niob ist ein metallisches Element. ASTM B392 umfasst jedoch sowohl Reinniob als auch Niob-Zirkonium-Legierungen. Die Norm B392-26 gilt für umgeformte Stäbe, Rundstäbe und Drähte. Die Angabe „ASTM B392“ allein genügt daher nicht: UNS-Bezeichnung und Werkstoffzeugnis müssen geprüft werden.

  • R04200, Typ 1: Reinniob, Reaktorqualität.
  • R04210, Typ 2: Reinniob, handelsübliche Qualität.
  • R04251, Typ 3: Nioblegierung mit 1 % Zirkonium, Reaktorqualität.
  • R04261, Typ 4: Nioblegierung mit 1 % Zirkonium, handelsübliche Qualität.

Reinheitswerte dürfen nicht allein aus dem Handelsnamen oder Typ abgeleitet werden: Die Spezifikation legt chemische und mechanische Anforderungen fest. Das Zeugnis muss sich auf die Charge und die verwendete Halbzeugform beziehen. Bei als Reinniob ausgewiesenem Schmuck ist zu prüfen, ob die dokumentierte Werkstoffgüte tatsächlich R04200 oder R04210 lautet.

Niob ist duktiler als viele CoCr-Legierungen und eignet sich für Ringe, die durch Verdrehen geöffnet und geschlossen werden. Die Verformbarkeit und Rückfederung hängen dennoch von Durchmesser, Werkstoffzustand, Geometrie und Technik ab; allein der Metallname garantiert keinen „perfekten“ Verschluss.

Anodisieren, schwarze Farbe und Oberflächenqualität

Niob lässt sich anodisieren; dabei entstehen Farben durch die Wechselwirkung des Lichts mit der Oberflächenschicht. Die Farbe belegt weder die Zusammensetzung noch die Qualität des Schmuckstücks. Schwarzes Niob ist ebenfalls erhältlich, doch Färbeverfahren und Oberflächenbearbeitung sollten beim Hersteller geprüft werden. Bei Schmuck für ein frisches Piercing reicht Niob als Materialangabe nicht aus: Die Oberfläche muss glatt, sorgfältig bearbeitet und für die Sterilisation geeignet sein. Raue oder matte schwarze Oberflächen sind nicht mit einer glatt polierten, glänzend schwarzen Oberfläche gleichzusetzen.

Die Duktilität kann Gewinde und mechanische Verbindungen empfindlicher machen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jedes Gewindeschmuckstück aus Niob unmöglich ist oder zwangsläufig ausreißt. Die konkrete Konstruktion und die Herstellerangaben sind zu beurteilen; bei Stäben und Labrets kommen auch Systeme mit anderen Bauteilen oder Mechanismen zum Einsatz.

Praxisvergleich: CoCr, Niob und Titan

AspektCoCr (F75 / F1537)Niob (B392)Titan (zum Beispiel F136)
Was die Norm beschreibtLegierung für Implantatanwendungen; F75 gegossen, F1537 umgeformtStäbe, Rundstäbe und Drähte aus Niob oder Nb-Zr-Legierung; UNS und Form prüfenTi-6Al-4V-ELI-Legierung für Implantatanwendungen
Duktilität und UmformungIm Allgemeinen steifer; Verarbeitung hängt von Werkstoffgüte und Verfahren abDuktil; Verhalten abhängig von Form, Durchmesser und ZustandEigenschaften abhängig von Legierung und Form
NickelNicht allein aufgrund von F75/F1537 als „nickelfrei“ bezeichnen; Zeugnis prüfenReingüten enthalten kein Nickel als Legierungselement; dokumentierte Zusammensetzung dennoch prüfenF136 ist keine Nickellegierung; Produktspezifikation prüfen
FarbeHelles metallisches Aussehen; Farbe und Glanz hängen von der Oberfläche abFarbige Anodisierung; auch in Schwarz mit geeigneter Oberfläche erhältlichFarbige Anodisierung; Eignung nicht aus der Farbe ableiten
Gewicht bei gleichem VolumenIm Allgemeinen hoch; konkreter Wert abhängig von der LegierungEtwa 8,60 g/cm³ für Niob R04200 Typ 1 gemäß dem zitierten DatenblattBei Ti-6Al-4V ELI geringer als bei Niob
Was die Norm nicht belegtDie Werkstoffbezeichnung allein zertifiziert weder das fertige Schmuckstück noch dessen Rückverfolgbarkeit, Oberfläche oder REACH-Konformität.

Nickel und REACH: Was sich daraus ableiten lässt

Anhang XVII, Eintrag 27 der REACH-Verordnung begrenzt unter anderem die Nickelabgabe aus Steckverbindungen, die in durchstochene Ohren und andere durchstochene Körperteile eingesetzt werden, auf 0,2 µg/cm²/Woche. Der Grenzwert betrifft die Abgabe unter den vorgesehenen Bedingungen, nicht den gesamten Nickelanteil der Legierung. EN 1811 ist das Referenzprüfverfahren zur Bestimmung der Nickelabgabe; der geltende Rechtsrahmen ist anhand des aktuellen Normtextes und der jeweiligen Artikelart zu prüfen.

Die REACH-Konformität lässt sich weder daraus ableiten, dass eine Legierung Chrom enthält oder eine Passivschicht bildet, noch daraus, dass Reinniob kein Nickel als absichtlich zugesetzten Bestandteil enthält. Zusammensetzung, Verarbeitung und Oberfläche des fertigen Produkts sind relevant. Auch die Aussage „besteht den Test automatisch“ setzt geeignete Prüfungen oder Unterlagen voraus: Ein chemisches Zeugnis für den Rohstoff allein ist keine Prüfung der Nickelabgabe des fertigen Schmuckstücks.

Schmuck und zugehörige Unterlagen beurteilen

  • Die vollständige Normbezeichnung, UNS-Werkstoffgüte, Halbzeugform und das der Charge zugeordnete Zeugnis erfragen. Bei ASTM B392 zwischen Reinniob und Nb-Zr-Legierungen unterscheiden.
  • Prüfen, ob sich die Rückverfolgbarkeit des Zeugnisses auf das tatsächlich für den Schmuck verwendete Material erstreckt; ein allgemeines Dokument belegt nicht automatisch die Herkunft des einzelnen Stücks.
  • Politur, Kanten, Gewinde oder Threadless-System, Geometrie sowie die Möglichkeit der Reinigung und Sterilisation getrennt beurteilen. Die Werkstoffkonformität ersetzt keine Prüfung der Fertigung.
  • Bei einem frischen Piercing dokumentierten Werkstoff, glatte Oberfläche, passende Größe und Stil sowie die Eignung für das Sterilisationsverfahren gemeinsam berücksichtigen. Nicht nur nach Farbe, Härte oder Handelsbezeichnung auswählen.
  • Bei Erklärungen zur europäischen Konformität Unterlagen anfordern, die sich auf das Produkt und die konkrete Anforderung beziehen. Der Name einer metallurgischen Norm ist keine allgemeine REACH-Konformitätserklärung.

Quellen

Abgerufen am 14. Oktober 2026. Für die vollständigen ASTM-Normen kann ein Zugang zum Volltext erforderlich sein. Öffentliche Zusammenfassungen beschreiben Anwendungsbereich und Produktform; sie ersetzen weder die vollständige Spezifikation noch das Chargenzeugnis.

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